Die Autorin Margo Jefferson

MARGO JEFFERSON (© Brent Murray)
Margo Jefferson schrieb als Literatur- und Theaterkritikerin für Vogue, Harper’s, Newsweek Magazine, American Theatre, Dance Ink, The Village Voice und von 1993 bis 2006 für The New York Times. 1995 erhielt sie für ihre Kritiken den Pulitzer-Preis. Heute unterrichtet sie an der Columbia University. Sie lebt in New York und ist immer noch ein großer Jackson-Fan.
Ein Gespräch mit Margo Jefferson über die Entstehung ihres Essays Über Michael Jackson
von Steven G. Fullwood
Worin bestanden die Herausforderungen beim Schreiben Ihres Essays über Michael?
M. J.: Die offensichtlichste waren all die Veröffentlichungen, die schon zu Michael existieren. Sie tragen ja zu seinem Mythos bei. Mir ging es darum, einen eigenen Ansatz zu finden. Ich wollte nicht nur Fakten wiedergeben und dann Stellung beziehen. Eine Menge Leute fragte mich: „Und, wirst Du Michael für Dein Buch interviewen?“ Aber darum ging es mir nicht, selbst wenn sich mir die Chance geboten hätte – was ja nicht der Fall war angesichts von Michaels Gerichtsprozess. Mir ging es darum, einen lebendigen kulturanalytischen Essay zu schreiben. Außerdem kamen noch eher persönliche Dinge hinzu: Ich wollte weder eine plumpe Hommage schreiben noch über Michaels Verhalten urteilen. Mich auf seine Geschichte einlassen, und nicht von außen auf sie draufsehen, wie Kritiker das für gewöhnlich tun – oder zu tun versuchen. Mir ging es darum, seine Musik, seine Art zu tanzen und seine Videos im Schreiben aufleben zu lassen. Das war vielleicht die größte Herausforderung.
Welche Erkenntnisse stellten sich im Laufe Ihrer Recherche als die wichtigsten heraus, die Sie der Welt über Michael Jackson erzählen wollten?
M. J.: Vor allem, dass er eben kein geistloser Freak ist, den die Leute verspotten, bemitleiden oder mit einem Lachen abtun können. Dass er ein erschreckend unverfälschtes Produkt von fast zwei Jahrhunderten amerikanischer Entertainmentkultur ist und sich in ihm die ganze Geschichte der schwierigen Beziehung von Schwarzen und Weißen spiegelt – ebenso wie die der globalen Kultur der Massenmedien mit ihren unverhältnismäßigen Bedürfnissen. Und dass „wir“ – die Fans, die Konsumenten – mit in seine Geschichte verwickelt sind. Dass wir uns viele tröstliche und fromme Lügen über Familienleben, über Unschuld und Sex erzählen und sie dann auf ausgewählte Stars projizieren. Dass Menschen schwere psychische Verletzungen nicht einfach wegstecken können; denn sie fordern einen hohen Preis, sie verstümmeln uns und können ja schon halbwegs normal wirkende Leben zerstören. Und nicht zuletzt: Dass Michael Jackson ein Genie war und dass wir das nie vergessen sollten.
Sie ergreifen nicht Partei, was die Anschuldigungen in Bezug auf Michaels Kindesmissbrauchs angeht. Warum nicht?
M. J.: Während der Recherche und des Schreibens durchlebte ich alle Gefühle, die man, was Michaels Schuld oder Unschuld angeht, empfinden kann. Zuerst haben mich diese ständigen Stimmungsumschwünge aus der Bahn geworfen. Dann wurde mir klar, dass ich sie durchleben musste, um mich der Komplexität des Themas zu stellen. Und auch, um überhaupt erst mal zu verstehen, dass zu diesem Zeitpunkt kein Mensch wirklich wissen konnte, was sich in Bezug auf den Missbrauch tatsächlich zugetragen hatte. Ich habe von Anfang an gewusst, dass es mir darauf ankommen würde, all die Vorwürfe, die zu der Zeit laut wurden, zu entschlüsseln. Ich habe versucht, sie in Zusammenhang mit der weit verbreiteten Obsession, Kinder als Sexobjekte zu betrachten, zu sehen. Und auch mit der Obsession, Bedürfnisse und Fantasien auf Prominente zu projizieren.
In gewisser Weise habe ich also doch Partei ergriffen. Ich wollte herausstellen, dass wir uns reichlich viel anmaßen, wenn wir vorgeben, zu wissen, was Michael getan oder nicht getan hat (einmal abgesehen davon, dass er, wie er ja selbst zugegeben hat, sein Bett mit Kindern teilte). Es ging mir darum, Lesern die Möglichkeit zu geben, über psychische Beeinträchtigung jenseits vorschneller Urteile nachzudenken.
Was wird wohl Michael Jackson über Ihr Buch denken?
M. J.: Ich hoffe, dass er nach der Lektüre merken würde, dass ich sein Talent, ihn, Michael, als Künstler verstanden habe. Mehr würde ich mir wohl nicht erwarten. Würde Michael bemerken, dass ich tatsächlich große Sympathien für bestimmte Aspekte seiner Lebensgeschichte habe? Ja und nein. Ich denke, er würde vieles, was ich an seinem Verhalten kritisiere, zurückweisen oder schlicht ignorieren, etwa meine These, dass er tatsächlich ein psychisches Trauma erlitten hat, dass er ein Opfer ist, aber dass er, wie wir alle, trotz alledem für sich selbst verantwortlich ist, und nur, wenn er sich seiner Vergangenheit stellt, Wege finden kann, sich zu verändern. „Make that change“, wie er in „Man In The Mirror“ singt. Das wär’s doch! Aber ich habe bislang keinerlei Anzeichen ausmachen können, dass er für diese Art der Selbstreflexion offen ist.
Vielleicht würde er auch bemerken – und zu schätzen wissen –, dass ich versucht habe, ihn in Zusammenhang mit unterschiedlichsten Traditionen zu verorten. Dass ich ihn als eine komplexe Person und einen Künstler begreife, der ein großes Vermächtnis hinterlassen hat, was auch immer geschehen ist und noch mit ihm geschehen mag.
Interview von © Steven G. Fullwood
Aus dem Amerikanischen von Sarah Dudek
Wann sind Sie zum ersten Mal mit der Jackson-Familie in Berührung gekommen? Was war die erste Jackson-Five-Platte, die Sie gehört haben? Was ging Ihnen zu der Zeit durch den Kopf?
M. J.: Ich erinnere mich, dass ich den Song „I Want You Back” im Radio hörte, der im Herbst 1969 die Charts stürmte. Natürlich fand ich ihn hinreißend, war aber auch ein bisschen zwiegespalten, weil er nicht besonders tiefgründig daherkam. Schon gar nicht die Passagen, die Michael sang. Meine Freunde und ich waren damals gegen jede Form von Establishment, was auch Pop und Soul einschloss, der im Kontext von Krieg und Black Power zu seicht daherkam. Motown hatte gegenüber Stax-Volt und dem neuen Sound, der aus Philadelphia kam, an Einfluss verloren und auch gegenüber Jimi Hendrix und Bob Dylan. Im Herbst 69 war ich mit einer alternativen Theatertruppe in Amerika unterwegs. Wir spielten ein Stück, in dem wir die Ausschreitungen in den Städten auf der Bühne wiederaufleben ließen.
Dann kam der Mai 1970 und mein damaliger Schwager kam mit einer Single von „The Love You Save May Be Your Own” bei uns zuhause vorbei. Meine Schwester und ich tanzten durchs ganze Haus! Was hatte es also mit den ersten Platten der Jackson Five auf sich? Sie waren SO UNGLAUBLICH ENERGIEGELADEN. Und der kleine Michael war so frühreif und bezaubernd!
Und noch etwas: Ich glaube, dass Michael für Fans, die in meinem Alter oder älter waren, die Verkörperung des „auserwählten schwarzen Kindes” im Showgeschäft darstellte: das besondere Kind, das Geschenk an die Schwarzen und die ganze Welt, gekommen, um die Welt zu erlösen von allen Beleidigungen und Erniedrigungen. So selbstbewusst, so unfassbar talentiert! Und ich glaube - nur zur Erinnerung: wir sprechen hier über die frühen Tage des Feminismus -, dass er eine Art männliches Traumkind war. Es ist durchaus ernst gemeint, wenn ich in meinem Essay über Michael schreibe, dass seine schmachtenden Liebessongs à la „Never Can Say Goodbye” einen Traum von männlicher Sensibilität Wirklichkeit werden ließen. Eine ganze Generation von jungen Mädchen träumte davon, Michael Jackson zu heiraten! Ich schätze, ich war damals neidisch auf sie, dass sie noch so jung waren und ernsthaft an ihren Traum glaubten.
Worin bestanden die Herausforderungen beim Schreiben Ihres Essays über Michael?
M. J.: Die offensichtlichste waren all die Veröffentlichungen, die schon zu Michael existieren. Sie tragen ja zu seinem Mythos bei. Mir ging es darum, einen eigenen Ansatz zu finden. Ich wollte nicht nur Fakten wiedergeben und dann Stellung beziehen. Eine Menge Leute fragte mich: „Und, wirst Du Michael für Dein Buch interviewen?” Aber darum ging es mir nicht, selbst wenn sich mir die Chance geboten hätte - was ja nicht der Fall war angesichts von Michaels Gerichtsprozess. Mir ging es darum, einen lebendigen kulturanalytischen Essay zu schreiben. Außerdem kamen noch eher persönliche Dinge hinzu: Ich wollte weder eine plumpe Hommage schreiben noch über Michaels Verhalten urteilen. Mich auf seine Geschichte einlassen, und nicht von außen auf sie draufsehen, wie Kritiker das für gewöhnlich tun - oder zu tun versuchen. Mir ging es darum, seine Musik, seine Art zu tanzen und seine Videos im Schreiben aufleben zu lassen. Das war vielleicht die größte Herausforderung.
Welche Erkenntnisse stellten sich im Laufe Ihrer Recherche als die wichtigsten heraus, die Sie der Welt über Michael Jackson erzählen wollten?
M. J.: Vor allem, dass er eben kein geistloser Freak ist, den die Leute verspotten, bemitleiden oder mit einem Lachen abtun können. Dass er ein erschreckend unverfälschtes Produkt von fast zwei Jahrhunderten amerikanischer Entertainmentkultur ist und sich in ihm die ganze Geschichte der schwierigen Beziehung von Schwarzen und Weißen spiegelt - ebenso wie die der globalen Kultur der Massenmedien mit ihren unverhältnismäßigen Bedürfnissen. Und dass „wir” - die Fans, die Konsumenten - mit in seine Geschichte verwickelt sind. Dass wir uns viele tröstliche und fromme Lügen über Familienleben, über Unschuld und Sex erzählen und sie dann auf ausgewählte Stars projizieren. Dass Menschen schwere psychische Verletzungen nicht einfach wegstecken können; denn sie fordern einen hohen Preis, sie verstümmeln uns und können ja schon halbwegs normal wirkende Leben zerstören. Und nicht zuletzt: Dass Michael Jackson ein Genie war und dass wir das nie vergessen sollten.
Sein Vater Joe ist eine prägende Figur in der schwarzen Entertainmentindustrie. Legendär. Er arbeitete sehr hart, und beachtlicher Weise sind fast alle seiner Kinder ziemlich erfolgreiche Künstler geworden, allen voran Michael. Nach wie vor finde ich es verwirrend, dass einige Leute ihn für einen Tyrannen halten und ihn zugleich bewundern. Warum hassen die Leute Joe Jackson nicht wie sie, sagen wir, einen Ike Turner hassen?
M. J.: Es floß eine ganze Menge Energie in die Jackson-Familienwerte-Propaganda: Was für eine gute schwarze Familie sie doch waren! Sie hatten sich von ganz unten hochgearbeitet! All diese Kinder könnten jetzt auch Kleinkriminelle sein und sind stattdessen wohlerzogene, hart arbeitende Entertainer geworden! Schwarzer Aufstieg und weiße Hoffnung befeuerten dies Bild. Joe Jackson - was für ein Rückschritt in die Ära strenger Patriarchen, die keine Widerworte dulden. Aber auf gewisse Weise hat er wohl beruhigend gewirkt auf all jene, die der sich verändernden Beziehung der Geschlechter ängstlich gegenüberstanden und befürchteten, dass ihre Kinder „vom rechten Weg abkommen” könnten. Die Jacksons wurden populär, als Begriffe wie Jugend und Gegenkultur und Revolution noch Kampfbegriffe in den Ohren älterer Generationen waren. Aber da war Joe, der dieser ganzen Bewegung etwas entgegensetzte. Der jedem, der es sehen wollte, vorzuführen schien: So hält man seine Familie in Schach. So lässt man jeden einzelnen spuren. Bedingungslose Unterstützung von der Ehefrau einfordern. Den Jungs klar machen, dass du genau weißt, was das Beste für sie ist und dass sie dir besser gar nicht erst widersprechen. Der männliche Tyrann, der sich von Zeit zu Zeit auch gütig zeigen kann, und der, gütig oder nicht, immer alles am besten weiß, wirkt auf eine Menge Leute sehr anziehend, auf Schwarze wie Weiße gleichermaßen.
Bei Ike Turner verhielt es sich da anders. Zum Einen war er ein gewalttätiger Ehemann und noch dazu eine Koksnase, und Leute tun sich ziemlich schwer, so jemanden toll zu finden. (Übrigens: Ist es nicht interessant, dass wir NIE über die - ich glaube, es sind vier - Söhne von Ike und Tina Turner sprechen?) Davon einmal abgesehen: Als Tina Ike verließ, und es langsam zurück ins Musikbusiness schaffte, drehte sich die ganze Geschichte. Ike wirkte albern, man kann fast sagen: impotent. Sicher, er hatte Tina einst zum Star gemacht, aber ihr Comeback gelang ihr ganz allein; sie erfand sich neu, genau so wie sie es wollte. Er konnte nicht mithalten. Er war der Loser. Ein abgehalfterter Typ. Männer konnten sich nicht mehr länger mit ihm identifizieren, Frauen fanden ihn nicht mehr sexy.
Und es gibt noch einen großen Unterschied: Joe Jackson wurde in der Öffentlichkeit nie so verurteilt, wie das bei Ike Turner der Fall war. Bei Ike glaubten die Leute Tinas Version der Geschichte. Ganz anders bei den Jacksons: Niemand scherte sich um La Toya, die die Erste war, die Joe öffentlich Vorwürfe machte; und Michaels Anschuldigungen wurden jahrelang verschleiert und gelangten gar nicht erst an die Öffentlichkeit; die anderen Jackson-Kinder blieben bei Mum; und Katherine dachte gar nicht daran, sich von Joe scheiden zu lassen. Wieder und wieder hat sich die Familie zusammengerauft, um öffentlich ihren Zusammenhalt zur Schau zu stellen. Katherine hatte in gewisser Weise mehr Macht über die Kinder, weil die sie offenbar wirklich liebten, und sie war diejenige, die auf dem Familienzusammenhalt insistierte. Das ändert aber nichts daran, dass Joe in der öffentlichen Wahrnehmung immer noch als das Familienoberhaupt gilt.
War es für Sie schwieriger über Michaels Mutter als über seinen Vater zu schreiben?
M. J.: Ich glaube, es war komplizierter - und damit schwieriger - über seine Mutter zu schreiben, weil meine Gefühle ihr gegenüber so zwiespältig waren. Ich hatte Mitleid mit ihr und empfand in gewisser Weise auch Sympathie für ihre Lebensgeschichte und ihre unerfüllten Bedürfnisse, die so typisch sind für Frauen dieser Generation: immer für den Ehemann da sein und im Grunde nur für die Kinder leben, die Sklavin eines männlichen Machtsystems sein. Katherine war gefesselt. Und sie besaß außerdem eine Fähigkeit zu lieben, die ich bei Joe nicht entdecken konnte. Zugleich verspürte ich eine gewisse Wut auf sie, weil sie sich so erfolgreich hinter dem ewigen Bild der gutherzigen Mutter versteckte und damit Michael (und seine Geschwister) manipulierte; und auch, weil sie all diese Lügen über die heile Jackson-Familie die ganze Zeit über aufrecht erhielt. Und auch, weil sie nie den Mut besaß, sich von Joe scheiden zu lassen, obwohl die beiden inzwischen längst getrennt leben. Damit gab sie ihm die Möglichkeit, sie zu kontrollieren und zu missbrauchen - wie auch ihre Kinder, für die sie angeblich lebte. Sie ist in jedem Fall die komplexere Figur als Joe. Ich hatte das Gefühl, mich ihr auf anderen Wegen nähern zu müssen, um zu verstehen, wie sie tickt. Ich wünschte, ich hätte in meinem Buch noch mehr charakteristische Situationen aufzeigen können, etwa diejenige, als Katherine eines Tages zu Joe ins Büro kam und seine Geliebte - mit Hilfe der kleinen Janet und des kleinen Randy - verprügelte. Es ist schon beängstigend mit anzusehen, wie plötzlich die Wut einer Frau, die es gewohnt ist, ihrem Mann nach Übergriffen immer auch noch die andere Backe hinzuhalten, plötzlich explodiert; wie wütend muss man sein, um den eigenen Kindern zu erlauben, ja, sie sogar zu ermutigen, jemanden anzugreifen. Katherine war hilflos, verzweifelt und zornig, hat sich aber stets hinter ihrer Maske der Scheinheiligkeit verborgen. Ich wette, ohne die Kinder wäre es ihr sehr viel schwerer gefallen, sich für ihr Verhalten zu rechtfertigen. So konnte sie sich immerhin einreden, dass sie ihre Kinder vor schlechten Einflüssen bewahrte.
Sie ergreifen nicht Partei, was die Anschuldigungen in Bezug auf Michaels Kindesmissbrauchs angeht. Warum nicht?
M. J.: Während der Recherche und des Schreibens durchlebte ich alle Gefühle, die man, was Michaels Schuld oder Unschuld angeht, empfinden kann. Zuerst haben mich diese ständigen Stimmungsumschwünge aus der Bahn geworfen. Dann wurde mir klar, dass ich sie durchleben musste, um mich der Komplexität des Themas zu stellen. Und auch, um überhaupt erst mal zu verstehen, dass zu diesem Zeitpunkt kein Mensch wirklich wissen konnte, was sich in Bezug auf den Missbrauch tatsächlich zugetragen hatte. Ich habe von Anfang an gewusst, dass es mir darauf ankommen würde, all die Vorwürfe, die zu der Zeit laut wurden, zu entschlüsseln. Ich habe versucht, sie in Zusammenhang mit der weit verbreiteten Obsession, Kinder als Sexobjekte zu betrachten, zu sehen. Und auch mit der Obsession, Bedürfnisse und Fantasien auf Prominente zu projizieren.
In gewisser Weise habe ich also doch Partei ergriffen. Ich wollte herausstellen, dass wir uns reichlich viel anmaßen, wenn wir vorgeben, zu wissen, was Michael getan oder nicht getan hat (einmal abgesehen davon, dass er, wie er ja selbst zugegeben hat, sein Bett mit Kindern teilte). Es ging mir darum, Lesern die Möglichkeit zu geben, über psychische Beeinträchtigung jenseits vorschneller Urteile nachzudenken.
Mich hat Ihr Gedanke überzeugt, dass Kinderstars in gewisser Hinsicht Opfer von Pädophilie sind - definiert als sexuelles Begehren, das Erwachsene Kindern gegenüber empfinden.
M. J.: Kinderstars berühren mich seit jeher. Als kleines Mädchen habe ich viele alte Filme gesehen und war hingerissen von den Kinderstars, die ich da zu sehen bekam, zum Beispiel Shirley Temple. Die Magie eines Stars schon als Kind zu verkörpern, sich von Millionen Menschen bestaunt zu wissen, das muss doch toll sein, dachte ich. Damals wünschte ich mir, einer von ihnen zu sein - oder zumindest meine Version eines Kinderstars. Dann, als ich älter wurde, musste ich mit ansehen, was aus ihnen wurde, auf dem Bildschirm und auch außerhalb. Manche kamen mir plötzlich erbärmlich und plump vor, andere einfach nur verdammt gewöhnlich. Dann war ich irgendwann erwachsen - und die Kinderstars, die in meinem Alter waren oder sogar jünger als ich, waren zu Wracks und Monstern geworden. Also habe ich angefangen, ihre Geschichten zu recherchieren - Biographien zu lesen und Bücher von Ex-Kinderstars wie Dick Moores „Twinkle Twinkle Little Star, Don’t have Sex Or Wreck the Car” - eine ziemliche Abrechnung. Und erst all diese seltsamen Stars aus den 70ern, 80ern und 90ern: Brooke Shields, Jodie Foster, Janet Jackson, die Olsen Zwillinge; Macauley Culkin natürlich; Emmanuel Lewis und selbst Gary Coleman. Ich spürte, dass ich im weitesten Sinne etwas mit ihrer Geschichte zu tun hatte. Und war in gewisser Weise auch aufgebracht. Wie all diese Leute (inklusive mir) diese Kinderstars mit ihren Blicken verschlangen. Die jungen Mädchen, so offensichtlich darauf getrimmt, als Sexspielzeuge oder Fantasieobjekte für Erwachsene herzuhalten. Und die Jungs so zwanghaft auf süß getuned. Fleisch gewordene Erwachsenen-Fantasien, da war eindeutig ein sexuelles Moment im Spiel. Besonders seit wir - in den USA - gesteigerten Wert auf eine Aura der Unschuld legen. Und mit Michael Jackson verhält es sich so, dass er all diese Aspekte in potenzierter Form verkörpert. Zum einen, weil Medien und Starkult so einen großen Platz in unser aller Leben einnehmen. Zum anderen, weil Michael so viele Talente hat und (hier kommen wieder die Medien ins Spiel) Menschen auf der ganzen Welt anspricht. Und nicht zuletzt, weil er unaufhörlich damit spielt, männlich bzw. weiblich, schwarz bzw. weiß zu sein. Er gehört schwarzen wie weißen Traditionen an, gibt den ungezogenen kleinen Schwarzen ebenso wie den kleinen Weißen, der, selbst wenn er sich ungezogen aufführt, niedlich anzusehen ist. Zugleich verfügt er über die Qualitäten eines Mädchens, das sich als Sexspielzeug gibt; verfügt über die Gewitztheit eines kleinen Jungen, der bereits bestens über alles Bescheid weiß. Michaels Repertoire war unerschöpflich.
Es gibt in Harlem einen Plattenladen, bei dem häufig Michael-Jackson-Videos im Schaufenster zu sehen sind. Ich habe dort schon oft Menschentrauben, junge und alte Leute, stehen sehen, die sich die Videos ansahen und sie aufgeregt kommentierten. Selbst im Winter. Schon beeindruckend, dass Jacksons Musik und seine Art zu tanzen die Leute noch immer so sehr fasziniert, selbst wenn sie ihn als Freak abstempeln.
Denken Sie, dass es den Leuten schwer fällt, einzusehen, dass sie Teil der Geschichte von Michael Jackson sind, dass sie sie gewissermaßen mitkreiert haben?
M. J.: Mitkreiert trifft es ziemlich gut! Was Sie beschreiben, ist mir auch schon aufgefallen, in New Yorker U-Bahn-Stationen zum Beispiel - es ist immer das gleiche Ritual, ein Kind spielt „Billie Jean” oder „Beat It” auf seinem Ghettoblaster und legt eine Michael-Imitation hin. Und egal, wie albern seine Performance ist, die Leute werden darauf reagieren. (…) Es gibt einen großartigen Vers bei William Burroughs, der sinngemäß so lautet: „Einen unbeteiligten Zuschauer gibt es nicht. Warum schaut sich ein Mensch an, was er sich anschaut?” Genau das ist doch die Rolle, die wir als Popkultur-Konsumenten einnehmen. Und es IST nun mal schwierig für uns, einzusehen, dass unsere Beziehungen zu Stars nicht passiver Natur sind. Wir beeinflussen die Art, wie Stars wahrgenommen werden, mindestens genauso, wie sie unsere Wahrnehmung beeinflussen. Und sie müssen ständig dafür sorgen, dass wir unser Interesse an ihnen nicht verlieren. Madonna zum Beispielt läuft uns, ihren Fans, ganz unverblümt hinterher. Ich glaube, wir alle wissen im Grunde, dass sie dieser Umstand verletzlich macht, und zugleich auch attraktiv. Er verdeutlicht, dass es, was die Frage der Macht eines Stars angeht, immer eine gewisse Balance gibt.
Ein Kollege von mir findet, dass Michael Jackson nichts anderes als ein Riesenfake ist: als Kind, als Erwachsener, als Entertainer, als Person, überhaupt. Was halten Sie davon?
M. J.: Ein hartes Urteil - und auf gewisse Weise auch gerechtfertigt. Das Erste, was mir dazu in den Sinn kommt, ist, was Truman Capote einmal in einer Dick-Cavett-Show irgendwann in den 70ern über den ehemaligen Kinderstar Sammy Davis jr. sagte. Capote machte eine schnippische Bemerkung über Davis und Dick Cavett gab routiniert zurück: „Er ist trotzdem ein Multitalent.” Capote seufzte theatralisch auf und erklärte: „Das ist es ja gerade. Das ist er eben nicht. Mag ja sein, dass er ein paar Dinge kann, aber nichts davon besonders GUT. Er singt, aber er singt nicht besonders GUT. Er tanzt, aber er tanzt nicht besonders GUT. Er schauspielert, aber er schauspielert nicht besonders GUT.” Zu der Zeit hielt ich nicht viel von Sammy. Er hatte Richard Nixon auf dem Parteitag der Republikaner umarmt, er war dauernd vollgekokst und irgendwie manisch und - wie ich damals fand - eine Schande für uns Schwarze. Also passte mir Capotes Bemerkung ganz gut in den Kram. Aber Tatsache ist, auch wenn Sammy Davis jr. seine Talente nicht immer glänzend einsetzte, abgesehen davon, dass sich ihm auch nicht immer die Möglichkeit dazu bot: Er WAR ein echtes Multitalent. Er konnte so viele unterschiedliche Dinge -und war in allem sehr gut.
Interessieren Sie sich auch für andere Popstars? Wie denken Sie beispielsweise über Prince, Mariah Carey oder Whitney Houston?
M. J.: Was Prince angeht, wünschte ich, ich hätte ihn in meinem Buch mit dem Michael von früher und dem Michael von heute verglichen. Das wäre sicher spannend gewesen. Und was Mariah und Whitney betrifft, muss ich zugeben, dass ich ihr Talent nicht so bewundere wie das von Michael oder Prince. Und wenn man einen Essay über jemanden schreiben möchte, muss man - so geht es jedenfalls mir - eine echte Verbindung spüren: „real love”, wie Mary J. Blige das nennt. Es sei denn, es geht um jemanden, der so schrecklich wie Condoleeza Rice ist, so dass man das Gefühl hat, eine Attacke gegen sie zu reiten, könnte sowohl für einen persönlich kathartische Wirkung haben als auch von öffentlichem Nutzen sein. Für eine Anthologie soll ich tatsächlich einen Beitrag über Condi zu schreiben…
Was wird wohl Michael Jackson über Ihr Buch denken?
M. J.: Ich hoffe, dass er nach der Lektüre merken würde, dass ich sein Talent, ihn, Michael, als Künstler verstanden habe. Mehr würde ich mir wohl nicht erwarten. Würde Michael bemerken, dass ich tatsächlich große Sympathien für bestimmte Aspekte seiner Lebensgeschichte habe? Ja und nein. Ich denke, er würde vieles, was ich an seinem Verhalten kritisiere, zurückweisen oder schlicht ignorieren, etwa meine These, dass er tatsächlich ein psychisches Trauma erlitten hat, dass er ein Opfer ist, aber dass er, wie wir alle, trotz alledem für sich selbst verantwortlich ist, und nur, wenn er sich seiner Vergangenheit stellt, Wege finden kann, sich zu verändern. „Make that change”, wie er in „Man In The Mirror” singt. Das wär’s doch! Aber ich habe bislang keinerlei Anzeichen ausmachen können, dass er für diese Art der Selbstreflexion offen ist.
Vielleicht würde er auch bemerken - und zu schätzen wissen -, dass ich versucht habe, ihn in Zusammenhang mit unterschiedlichsten Traditionen zu verorten. Dass ich ihn als eine komplexe Person und einen Künstler begreife, der ein großes Vermächtnis hinterlassen hat, was auch immer geschehen ist und noch mit ihm geschehen mag.
Interview von © Steven G. Fullwood
Aus dem Amerikanischen von Sarah Dudek
